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30 March 2006 @ 10:49 pm
Klaus Mann und/vs. Gustaf Gründgens  
Wer ist Klaus Mann? Die Frage stellt sich mir zum wiederholten Male und gleichzeitig frage ich mich: Was bewegte ihn "Mephisto" zu schreiben?
Warum kommt er, wie er es selbst sagt, über seinen ehemaligen Schwager nicht hinweg? Warum träumt er lebhaft, ja, gar zärtlich von ihm, schreibt tagsüber aber einen "gemeinen" und "boshaften" Roman über dieselbe Person?
"Mephisto" ist nicht sein erstes Werk über Gründgens. Genauso unverholen ist sein Roman "Treffpunkt im Unendlichem", in dem er Gründgens als Gregor Gregori portraitiert.
Zwei "gemeine" und "boshafte" Portraits.
Warum reicht Klaus Mann nicht sein Erstes?
Er bemerkt einmal in seinem Tagebuch ein schlechtes Gewissen, gegenüber Gründgens. Ist es das, dieses kleine unscheinbare Ding, das ihn dazu zwingt weiter über Gründgens nachzugrübeln? Ist es das, was ihn weiterschreiben lässt, das vielleicht auf eine Wiedergutmachung hofft? Etwas, was Klaus Mann nie tun wird. Er wird Gründgens immer nur angreifen, soweit das Bewusst geschriebene reicht.
Ist es "nur" eine Hassliebe, die Klaus Mann dazu treibt sich jeden Gründgens-Film anzuschaun, 1946 zu der Premiere von Carl Sternheim's "Der Snob" mit GG in der Hauptrolle zu gehen und sich in die erste Reihe zu setzten, immer wieder Glossen über den Verhassten zu schreiben und zwei Bücher!
Oder will er auch ein wenig Aufmerksamkeit? Sehnt er sich nach Gründgens, erlaubt sich dies aber nicht, erlaubt sich keine Nähe?
Ist es die Macht, zu der sich doch die Manns allgemein hingezogen fühlen, die Klaus zu Gustaf zieht? Die Macht des Schauspielers steigt mit jedem Schritt in seiner Karriere nach oben. Eine Karriere, die Klaus Mann nicht gutheißt.
In sein Tagebuch schrieb Mann - mit Genugtuung, wie es scheint - über den Maiabend 1946 im Theater, dass Gründgens ihn gesehen habe, sein Lächeln sei eingefrohren.
Eine Einbildung? Oder erhält Mann tatsächlich zum ersten Mal die langersehnte Reaktion?
Sieht er Gründgens nach dessen Ehe mit Erika, Klaus geliebter Schwester und deren Liebe sein einziger Triumph im Krieg gegen den Vater ist, eine Figur ebendiesen verhassten Vater, der versucht Klaus diesen einzigen Triumph wieder abzuringen? Den Vater, dem er es nie recht machen konnte, den er zu keiner deutlichen Reaktion bringen konnte?

Was hätte Klaus Mann wohl dazu gesagt, wenn Gründgens wirklich den Mephisto verfilmt hätte?
Bittere Enttäuschung, so will es scheinen. Gründgens spielt, was er sein will und was er nicht sein will. Für Klaus Mann wäre aber ein Gründgens, der den Höfgen spielt, damit er nicht der Höfgen ist, nun auch noch ein besonders dummer Affe der Macht gewesen. Hätte Mann noch ein bitterböses Buch über ihn geschrieben?

"Mephisto" ist ein halbherziger Angriff, der ebenso objektiv wie subjektiv, positiv-neutral wie negativ ist. Mögen Höfgens Hüften auch zu breit werden, seine Augen, Gründgens Augen, werden immer "Juwelenaugen" bleiben, sein Kinn immer "edel und stark", seine Lippen "weich und schön geschwungen". Er war immer eine Faszination für Mann, ein verhasster Geliebter.
Ob er jemals ein geliebter Geliebter war, das könnten wohl nur er und Gründgens selbst erzählen. Vielleicht war es der Grund, vielleicht nicht, vielleicht gab es diesen Grund nicht.
Vielleicht brauchte Mann keinen Grund. Vielleicht war er selbst der Grund.
Es gibt viele "vielleicht"s.
Es bleibt allenthalber eine verschlossenes Buch, denn die Schlüssel sind beide verloren.
 
 
contemplative
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Marilyn Manson - Sweet Dreams (are made of this
 
 
( Have you seen my meds? )
noctuabundanoctuabunda on March 30th, 2006 10:00 pm (UTC)
War das Portrait denn wirklich so bösartig? Oder einfach nur schonungslos? Der Unterschied offenbart sich nicht sofort, ist aber himmelweit.
the oncoming whirlwindscap3goat on March 31st, 2006 05:22 am (UTC)
Man könnte auch (drastisch) sagen, auf Halbwahrheiten aus Theaterkritiken, Filmeindrücken und verblassenden Erinnerungen aufgebaut.