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02 September 2006 @ 05:19 am
Mein Lieblingsthema... (aka "Sollte ich vielleicht Psychiologie studieren?")  
Aber nein. Schließlich bin ich nicht (natur)blond. [Anm. Insiderjoke]
Hat es der fleißige Journalleser schon erraten? Das Thema?


Lacht doch, ihr blöden Gänse.
(Wenn ihr seht, was nicht gefällt.)


Ich muss zugeben, die zweite Zeile stammt von mir. Die erste war auf der Titelseite des Spiegel mit einem großen Bild von Gründgens, der so aussieht, als reiche es ihm entgültig. Als könnten alle seine Kritiker ihn dochmal kreuzweise.

Dabei war schlechte Kritik oder eine "Mehrheitsmeinung" über ein Stück/eine Rolle in dem/die er spielte etwas, was ihm sehr zu Herzen ging.
Verletztend, äußerst verletztend die Schmach, als auf dem Titelbild einer Zeitung, das die Darsteller von "Anja und Esther" nur die Dichterkinder (Pamela Wedekind, Klaus & Erika Mann), nicht aber der Regisseur und vierte im Bunde (Gründgens selbst), zeigte.
Oder kam es vielleicht von ungefähr, dass Hermann Göring die Verfasser einer schlechten Kritik über die Darstellung Gründgens Hamlet verhaften ließ? [Anm. "Exzentrisch und Exzentrischer" oder "Der Dicke und der Schauspieler"]
Kollenge und Freunde sagen alle, dass Kritik Gründgens stark verunsichern konnte. So sehr ihn lobende Kritiken ermutigen und fröhlich stimmen konnten, so konnten ihn die kritischen Kritiken äußerst verärgern und verunsichern.
Oder waren diese Selbstzweifel nur ebenso gespielt, wie Klaus Mann es Höfgen in "Mephisto" vorwirft?
Kann es schauspielerei sein, wenn ein Mann sich beschwert, dass das Publikum ihn nicht versteht, dass es nicht begreift, dass er nicht sich selbst spielt, sondern ihnen vorspielt, wie sie sind?
Sinngemäß sagte Gründgens, dass er sein Publikum überrannte, gewann und wieder verlor, weil sie nicht die waren, die sie in Wirklichkeit waren, sondern nur die waren, die er wollte, dass sie wären. Der Schauspieler hat sich sein eigenes Publikum vorgegaukelt. Verständlich die Reaktion, die Formulierung. Die eigene Euphorie, davor und dann darüber, dass gelacht wird, wenn gelacht werden soll. Geweint, wenn geweint werden soll. Die Augen dann aufgerissen zu sehen - empört, erstaunt, verzweifelt, entsetzt - wenn es die Tat auf der Bühne fast schon erzwingt. Aber trotzdem wissen sie nicht unbedingt, wieso sie es tun... alles sich verstanden Glauben in Luft aufgelöst.
Ist es eigentlich das, was hinter einer Kurzgeschichte Gründgens steht? Einer Geschichte in der ein Mann zumindest auf dem Sterbebett eine erhabene Stimmung empfinden will, die aber vom missverhalten seiner Familie zerstört wird, solange, bis der Mann aufspringt, schreit, dass es ihm reiche und dass er das nicht mehr mitmachen würde, tot umfällt - eine Hand im kalten Inhalt des Nachttopfes.
Der sprichwörtliche Griff ins Klo.

Aus den von Gründgens überlieferten Briefen, Darstellungen und Aussprüchen spricht einerseits eine große Ernsthaftigkeit, ein Bewusstsein, irgendwo aber auch eine fast schon "kindische" Naivität. Was er nicht begreife sei, dass jeder die Atombombe hasse, aber sie trotzdem niemand abschafft.
Nun, wir nennen das oft leichtfertig kindlich, kindisch, naiv. Eine typische Fragestellung eines Kindes. Eine Logik, die den meisten Menschen beim erwachsen werden, verloren geht. Denn diese Logik ist schonungslos. Sie birgt einen geheimen Schmerz, ähnlich dem der bedinungslosen Liebe.
Wenn etwas falsch ist, warum ändert es niemand?
Die Erkenntnis, dass man die Ungerechtigkeit nicht beiseite räumen kann, schmerzt. Und darum hüllen sich Erwachsene in einen Mantel aus manchmal unsinnigen Erklärungen. Ein Mantel namens "Ignoranz", namens "Verleugnung".
Weil es nunmal so ist. Das ist Politik.
Was aber nun, wenn man sich ins Theater flüchtet? In eine eigene Welt. In eine Welt in der man Aktör, aber auch Drahtzieher ist/sein kann. Ein Puppenhaus für Große?
Wie weh tut es einem Menschen, der keinen Mantel hat, dessen einzige Flucht immer und immer wieder das Theater darstellt?
Was geschieht Mitte der Fünfziger, als Veit Harlan erneut als Herold der Medien zur Schlacht gegen eine Minderheit bläst?
"Anders als du und ich - Ein Zeitfilm, der endlich kommen mußte!" heißt das Werk. Ein Film, der - 1957, als Harlan ja nicht mehr auf Juden losgehen konnte - gegen Homosexuelle geht. '57, das selbe Jahr, in dem das Bundesverfassungsgericht den verschärften Paragraph 175 (Verbot von Homosexualität) aus der Nazi-zeit bestätigt wurde.
Eine verrückte Welt, in der Gründgens aber mittlerweile wieder mehr oder weniger alleine saß, Abends vor dem Fernsehr, wenn ihn im Theater keiner benötigte - und darauf hoffend, dass ihn doch jemand dringend ins Theater rufen würde.
Peter Gorski [Anm. Schon mal versucht über den was rauszufinden? Das er geboren ist, steht fest, aber ansonsten - nen erfundenen Golden Globe für das Drehbuch von "Der mit dem Wolf tanzt" hab ich noch gefunden] - dem "Adoptivvater" entwachsen.
Und heiraten will ihn auch keine mehr. Antje Weisgerber nicht, Pamela Wedekind nicht.

Das alles muss hart für ihn gewesen sein. Er, der er sich mit 40 schon vorm Alter fürchtete, vor dem Verfall, damals schon mit Hilfe der plastischen Chirurgie versuchte die Zeichen der Zeit zu stoppen, sie zu verstecken.
Ging es ihm in dieser Zeit geistig so schlecht, weil es ihm gesundheitlich auch nicht gut ging? Oder war es andersherum? Sprechblockaden als Zeichen der Angst davor Nichts mehr zu sagen zu haben, keine Worte mehr zu finden, und deswegen ein unbewusstes Sperren gegen alles Sprechen an sich? Heftige Migräne(?)-Attacken während derer er nicht ansprechbar war, eine unbewusste Mauer zur harschen Welt?
In einem Brief erwähnte er einmal Herzprobleme, anstatt des üblichen Kopfleidens. Es wunderte ihn, dass er diese Probleme erst so spät hatte, wo das arme Organ doch schon so viel hatte durchmachen müssen.
Mehr als das Theater, nein, etwas Anderes als das Theater hatte er nie. Sein gesammtes Leben, seine Welt, bedeuteten ihm die Bretter. Das Theater hatte ihn nie im Stich gelassen und Hamlet, Mephisto, Wallenstein sie alle waren immer da, wenn er sie brauchte. Aber sie brauchten auch ihn, der die Fäden zog, der sie in Form brachte, ihnen Sprache verlieh, ihnen eine Welt schuf, die er verändern, ja, gar zerstören konnte, wenn er wollte.
Doch, ahnte er, dass er seine eigene Welt auch so kontrollierte und alle Zeichen auf Katastrophe standen?
Ein Leben, wie im Drama. Eine Hauptfigur, ein Held, wie im Drama.
Einführung, Steigerung, Peripetie (Höhepunkt), Retardation (Verlangsamung, vorbereitung auf das Ende, dabei alle Möglichkeiten für dieses offen lassend), Auflösung.
Wie bezeichnend, dass Wikipedia als Beispiel zur Katastrophe in der Auflösung Hamlet und seinen Tod als Beispiel bringt.

In Gründgens Leben war das retardierende Moment 25 - und hieß Jürgen.
Beschwingt plant Gründgens nicht mehr zu planen, legt sein Amt als Intendant nieder, nur wenige vage Pläne für die nächste Saison - die nächste, die er im Lande sein wird.
Vorher: Weltreise.
Auf die alten Majadenkmäler soll er sich besonders gefreut haben.
Doch... Gustaf hat nie Nathan, den Weisen gespielt. Nur Hamlet, Mephisto und für sie ging das Drama jeweils katastrophal aus.
Über das Ende zu philosophieren... nein, das löst jetzt auch nichts.
Nur soviel: Inmitten der tropischen Herrlichkeiten stand Gustaf (und ich glaube hier an einen Jungen im Mann, der sich mit grau nicht anfreunden kann, sondern schwarz und weiß verwendet) doch plötzlich wieder im Regen. Zweifel, die er wohl nicht erwartet hatte. Gefühle, die er in seiner Gesammtsituation wohl auch nicht verstand. Aber depressive Gefühle sind ja nicht logisch. Der Tod im Badezimmer ist es nicht. Und Jürgen, plötzlich alleine, nur mit einer Urne auf der Rückreise, ist es noch weniger.

Vielleicht hat es dem einzigartigen Jahrhundertmimen aber doch Einiges erspart. Vielleicht war es gut so, denn das Alte war abgeschlossen, das Neue nicht konkret. Und trotzdem hat ihn vielleicht diese Ungewissheit - egal was die biologische Ursache war - umgebracht.
Sicherlich war es aber der richtige Moment. Die Pistole soll er schonmal an der Schläfe gehabt haben und das Schicksal rettete ihn mit einem unwichtigen Anruf noch ein paar Jahre. Verzweifelt, ja, das war er.
Er hat in späteren Jahren angeblich eine Rolle gesucht, in der er nicht am Ende erstochen, erwürgt oder sonstwie ermordet wird und dann auf der Bühne liegt. Eine Rolle, nach der er vergnügt nachhause gehen kann.
Tatsache ist, dass niemand unsterblich geboren wird und ihm das sterben also auch in seiner letzten Rolle nicht erspart blieb. Aber es war eine Rolle, die ihn unsterblich machte.
 
 
thoughtful
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System of a Down - Question!